50 Jahre Kinder- und Jugendkantorei

50 Jahre Kinder und- Jugendkantorei
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50 Jahre ist es her, da gründete die junge, dynamische Kantorin zu St. Rochus, Lisbeth Walther, einen Jugendchor und legte damit den Grundstein für die nunmehr 50-jährige Geschichte der Kinder- und Jugendkantorei St. Rochus.
Schnell entwickelte sich ein umfassendes musikpädagogisches Angebot in Form einer Musikschule, die von musikalischer Früherziehung über Orff- und Flötenkreis bis hin zu Instrumentalunterricht nicht nur den Chorgesang abdeckte. Gemeinsam mit Kantoreisänger:innen, Posaunenchor und Eltern wurden Basare für die Orgelrestaurierung veranstaltet, Spenden für die nötigen Instrumente (Klavier, Cembalo, Orffinstrumentarium u.a.) sowie die adäquate Einrichtung des Kantoratssaals gesammelt – kurzum: Es wurde kräftig angepackt in der Anfangszeit.

 

Kantorin Lisbeth Walther
Bildrechte: Georg Naser


Ende der 80er musste die Musikschule aus rechtlichen und organisatorischen Gründen aufgelöst werden, doch das tat der hervorragenden musikalischen Ausbildung in den Zirndorfer Chören keinen Abbruch: Längst sammelten die jungen Sänger:innen Erfahrungen als Darsteller in Singspielen und Kinderkantaten unter der Regie von Letizia Heinrich. Neben den bereits zur Tradition gewordenen Chorfreizeiten begab sich der Jugendchor erstmals aufs internationale Parkett mit Reisen nach Rom und Wien. Zudem wirkte der Jugendchor nun auch bei Werken von Bach, Mozart u.a. mit, die von der Kantorei aufgeführt wurden.

 

 

Kinder- und Jugendkantorei
Bildrechte: Georg Naser


1989 war auch ich endlich alt genug, um im „Sing- und Tanzkreis“ (später: Spatzenchor) mitzumachen. Fortan hieß es freitags Aufzug fahren mit Herrn Do, Gespenster in Brunnen werfen, Sticker sammeln, über die Ernährung eines Mops mit sauren Drops nachdenken, gleich von der Katze gefressen werden (Caramba!) und dabei Notenlesen lernen und die Stimme ausbilden. Frau Walther verstand es, uns Kinder für die Musik zu begeistern und unser Gehör für die Feinheiten und Details der Musik zu schärfen. Als wir 1990 mit „Kalif Storch“ (K. U. Ludwig) erstmals auf der großen Bühne der Paul-Metz-Halle standen, war es der Beginn immer professioneller werdender Inszenierungen, die zwar eine Menge Arbeit für jeden einzelnen bedeuteten, aber das absolute Highlight des Chorjahres waren. Ganze Elterngenerationen nähten liebevoll Kostüme, bauten detailreiche Kulissen und packten mit an, wo Hilfe benötigt wurde. Mit Benjamin Brittens Kinderoper „Der kleine Schornsteinfeger“ wurde 1993 und 1995 sogar eine richtige Oper auf die Bühne gebracht.

 

Kinder- und Jugendkantorei
Bildrechte: Georg Naser


Ein weiterer treuer Begleiter des Chorlebens war die Weihnachtsgeschichte von Carl Orff – natürlich auf fränkisch übersetzt. Generationen von Hirten philosophierten seit 1995 über Schafschelln und Engel, während ich auf das c des Glockenspiels hämmerte. Die Heiligen Drei Könige – manches Mal vom Stern in die Irre geführt – marschierten je nach Gusto des Flötenensembles mal flott, mal äußerst gravitätisch durch die Kirche, machten ihre Reverenz, redeten „ned vill“ und gingen schnell „widda hamm“. Dass das nur noch von Gaffa Tape gehaltene Marimbaphon tatsächlich bis Frau Walthers Abschied nicht unter Jörg Drechsler, unserem Pianisten/Multiinstrumentalisten für alle Lebenslagen, zusammenbrach, ist durchaus erstaunlich.

 

Kinder- und Jugendkantorei
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1994 war ein richtiges „Bachjahr“ für den Auswahl- und Jugendchor. Zunächst wirkte man in Kempten und Thiersee (Tirol) bei der Matthäuspassion mit, in der zweiten Jahreshälfte durften wir gemeinsam mit der Kantorei am Weihnachtsoratorium arbeiten. Zum ersten Mal sang ich inmitten der Kantorei und lernte, was Chorarbeit in St. Rochus auch bedeutete: Alt und Jung packen gemeinsam an, lernen voneinander, feilen unermüdlich an kleinsten Details und bringen damit die Magie der Musik zum Erklingen. Und dann, wenn man es a cappella zum „Treffpunkt Fermate“ schaffte, Frau Walther nicht das Gesicht verzog, weil man nach „Gesangsverein Halbe Lunge“ klang, und man sich seiner Sache sicher war, kam der Moment der Wahrheit: Korrepetitor Wolfgang Schmidt als erbarmungsloser Intonationsprüfer, der immer einen Witz im Repertoire hatte, spielte den Akkord, der in der Partitur stand, und offenbarte weiteren Übungsbedarf. Für uns Auswahlchörler war das Probenwochenende im Wildbad Rothenburg ein Vorgeschmack auf die jährliche Freizeit von Jugendchor und Kantorei dort. Mit großen Augen bestaunten wir den prächtigen Rokokosaal, der unser Probenraum war, zählten mehrfach die Lampen des Kronleuchters, wenn gerade in einer anderen Stimme „die stolzen Feinde schnaub[t]en“, verliefen uns in dem riesigen Gebäude, das sich hervorragend zum Verstecken spielen eignete. Auch in späteren Jahren wurden die besten Verstecke von Generation zu Generation weitergegeben, auf dem Marktplatz gesungen und die Stadtführung mit dem Nachtwächter gemacht, während diverse Kantoreisänger:innen zum Federweißen einkehrten.

 

Kinder- und Jugendkantorei
Bildrechte: Georg Naser


Natürlich waren die Chorfreizeiten und Workshops wichtiger Bestandteil unseres Chorlebens. In Pottenstein, „Dettels“, Burgambach und Rothenburg kannten wir jede nachtwanderungs- und rallyetaugliche Ecke und lernten im Jugendchor als Betreuer der Jüngeren das Einmaleins der Jugendarbeit. Spieleabende wurden vorbereitet, Fragen und Spielideen für die Rallye gesammelt, Gruselgeschichten ausgedacht (Sie waren natürlich alle wahr!), Tischdienste eingeteilt, Tagespläne und Namensschilder gemalt, die von naiv-abstraktem Design bis hin zu wahren Kunstwerken gestaltet wurden, „Phase 10“-Fehden gepflegt, Gutenachtgeschichten vorgelesen, Bunte Abende vorbereitet und mit Laurentia durch die Woche getanzt. Natürlich wurde auch fleißig geprobt und an jeder einzelnen Stimme gearbeitet.


Im Jugendchor kamen dann weitere Highlights dazu: Neben der regelmäßigen Arbeit an großen Werken mit der Kantorei, eigenen Konzerten und Sommerserenaden, wo bei Kerzenschein auf dem Kirchplatz neben vielen bekannten Musicalmelodien bisweilen auch das Kaufhaussortiment besungen wurde, übernahmen nun wir die Hauptrollen in den Singspielen in der Paul-Metz-Halle und durften alle zwei Jahre auf Chorreise gehen. Um den Preis für uns bezahlbar zu halten, sangen wir gefühlt an jedem Wochenende mindestens eine Hochzeit. Uns führte die Reise 1999 nach Wien: Dort sahen wir eine spaghettireiche Operninszenierung, gingen ins Kunsthaus Wien, tanzten mit den Vampiren, besuchten Sissi und Franz in der Gruft, ertrugen eine zu zeitgenössische Theaterinszenierung und sahen selbstverständlich die Pestsäule. Im Stechschritt eilte uns die „Chefin“ voraus und zeigte uns jede (!) einzelne Sehenswürdigkeit Wiens.

 

Kinder- und Jugendkantorei
Bildrechte: Georg Naser


Einige Singspiele später übernahm ich die Regie von Frau Heinrich. Nun hieß es für mich, Texte überarbeiten, damit jeder etwas zu tun hat, Rollen und Aufgaben verteilen, inszenieren, Kinder und Jugendliche dazu bringen, „langsam, laut und deutlich“ zu sprechen, damit die schwerhörige Oma, die schon zu Frau Heinrichs Zeiten mit Vorliebe in der allerletzten Reihe saß, auch alles verstand. Fast jeden Tag wurde geprobt, geplant, gebastelt bis das Stück auf die Bühne kam – ein Fulltimejob neben dem Studium. Christina Schulze – unter Einbeziehung ihrer kompletten Familie – gestaltete mit ihren kreativen Ideen das Bühnenbild, das gemeinsam mit dem „erweiterten Jugendchor“ gebastelt wurde. Frau Dollinger nähte unzählige Kostüme und prüfte die Hallenakustik. Viele helfende Hände aus der Kantorei trugen zum Gelingen der Aufführungen bei. Bis zur Verabschiedung Frau Walthers arbeiteten wir als eingespieltes Team und erlebten, wie „unsere Kinder“ zu echten Profis auf der Bühne wurden, die ohne technische Verstärkung mit ihren Stimmen die ganze Halle füllten.
In ihrer knapp über 40-jährigen Amtszeit hatte Kirchenmusikdirektorin Lisbeth Walther nach den Grundsatz „fördern und fordern“ ein Leuchtturmprojekt auf die Beine gestellt, in dem Kinder nicht nur eine hervorragende gesangliche Ausbildung erhielten, sondern auch schauspielerische und pädagogische Erfahrungen sammeln konnten, Freundschaften fürs Leben geknüpft wurden und soziale Kompetenzen gestärkt wurden. Gegen 2010 sangen gar an die hundert Sänger aller Altersstufen in den Rochuschören.

 

Kinder- und Jugendkantorei
Bildrechte: Bettina Wißner


Mit ihrer Nachfolgerin Bettina Wißner fegte ab 2015 ein neuer Wind durch die Zirndorfer Kirchenmusik. Die Kinderchöre – unterstützt von der Hausband „Die Rostigen Ritter“ – bekamen ihr eigenes Musical, das innerhalb einer intensiven Probenwoche komplett erarbeitet wurde, und begeisterten das Publikum drei Jahre lang mit den Geschichten um Burgfräulein Bö, Ritter Rost und Koks den Drachen. Der Jugendchor erarbeitete sich seine Musicals komplett selbst und bewies nun neben gesanglichem und schauspielerischem auch noch tänzerisches Talent. Auch neue Formen, wie Crowdsinging, wurden ausprobiert. Das Blockflötenensemble wurde neu gegründet und die Kantorei lernte nun ein neues Repertoire kennen. Nach ihrem Abschied 2017 übernahm zunächst Christian Büttner, dann Sophia Lederer und später erneut Christian Büttner das Amt des Rochuskantor.


Seit 2019 ist nun Daniela Müller im Amt und wird nach der Coronapause eine neue Generation Sänger:innen ausbilden, die uns mit Sicherheit ebenso begeistern werden, wie all die Weihnachtsengel, Hirten, rostigen Ritter, Schornsteinfeger, Störche und Fabelwesen vor ihnen.
In den letzten 50 Jahren waren sehr viele Menschen Teil der Kinder- und Jugendkantorei. Egal, ob singend, instrumental musizierend, unterstützend, Kulissen haltend, hinter der Bühne, vor der Bühne, Nerven beruhigend, finanziell und ideell unterstützend, grillend, strickend, nähend, dirigierend, kopierend, hämmernd und schraubend, fotografierend, filmend etc.– all diesen Menschen sei hier einmal DANKE gesagt. Ohne all die Menschen im Hinter- und Vordergrund mit ihrem unermüdlichen persönlichen Einsatz wären viele (ehemalige) Chorkinder um viele schöne Kindheitserinnerungen ärmer.
Kathrin Sterzel

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